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Der Ruhe wieder mehr Kraft zuschreiben

Kindern zu einem Verständnis für den Segen der Dunkelheit verhelfen


 
Buch-Rezension zu „Gute Nacht, Nacht!“ mit Autoren-Interview
 
Waldkindergarten, Naturkindergarten, Naturerlebnis-Kita … Die Namen verraten es: Zahlreiche Kindergärten und Kindertagesstätte möchten schon die Kleinsten für den Natur- und Artenschutz begeistern. Natur erlebbar zu machen und zugleich ein Bewusstsein für die Empfindlichkeit und Gefährdung der Ökosysteme zu wecken, erfordert pädagogisches Geschick. Viele Erzieher besuchen daher Fortbildungen in Umwelt- und Naturschutzpädagogik. Das Engagement lohnt sich, denn Kinder, die frühzeitig altersgerecht mit Umweltthemen in Berührung kommen, entwickeln oft ein nachhaltiges Interesse an diesen Themen. Die Umweltpädagogik erzielt die besten Ergebnisse, wenn sie bei den Kindern Neugier, Wertschätzung und Freude weckt. Kinder sind mit einer natürlichen Offenheit und Entdeckerfreude ausgestattet, welche es zu nutzen gilt. Wenn es gelingt, dem Kind mit allen Sinnen zu einem positiven Naturgefühl zu verhelfen, ist es auch gewillt, sich über den Schutz der Umwelt Gedanken zu machen.

„Katastrophenpädagogik“ hingegen, die vor allem auf Angst setzt, ist kontraproduktiv. Stattdessen sollten den Kindern Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden: Welche meiner Handlungen oder Nicht-Handlungen helfen den Gewässern, dem Boden, der Luft, dem Klima, den Tieren, den Pflanzen … oder der Nacht?
 

BUCHREZENSION „Gute Nacht, Nacht!“

Einen wunderbaren Weg, Kinder für das Thema „Lichtverschmutzung“ zu sensibilisieren, hat der österreichische Pädagoge und Kabarettist Sepp „Beff“ Gröfler gefunden. In seinem vom Papierfresserchens MTM-Verlag herausgegebenen Bilderbuch „Gute Nacht, Nacht!“ erzählt der Vater von drei Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte, in welcher die Nacht selbst die Hauptakteurin ist. Sie ist Heldin sowie Opfer zugleich, denn sie fühlt sich nicht ausreichend geschätzt. Das verwundert kaum, da die Menschen, sobald die Nacht hineinbricht, sie sofort durch Lampen und Lichter wieder zu vertreiben versuchen. Die Zahl der Straßenlaternen, Schlummerlichter und anderen künstlichen Lichtquellen steigt überdies Abend für Abend weiter an, was die Nacht trauriger und trauriger werden lässt. Die Sonne sieht das Problem ein und versucht ihrem Pendant zu helfen. Das macht sie, indem sie fortan bleibt wo sie ist und ohne Unterlass auf die Menschen niederscheint. Diese merken nach erster Freude recht bald, was sie mit der kurz zuvor noch so gering geachteten Dunkelheit verloren haben: Ohne Finsternis kein Ruhen, kein Schlafen. Die Nacht ist die Zeit des Krafttankens und der Heilung, die Zeit der Romantik, der Träume, des Insichkehrens. Vor allem ist sie vordergründig aber auch die Zeit der Stille. Und erst als die Menschen daher beschließen, alle ganz, ganz leise zu sein, getraut sich die Nacht aus ihrem Versteck hervor.

„Gute Nacht, Nacht!“, Sepp Gröfler, Rosina Lampert, Papierfresserchens MTM-Verlag GbR, 2016

Seine Lebendigkeit erhält das Buch durch die höchst originellen Illustrationen von Rosina Lampert. Auf jeder Seite finden sich kongenial zum jeweiligen Text passende Bastelarbeiten und Zeichnungen. Verwendet werden hier nebst Papier und Pappe auch Holz, Federn, Wackelaugen und Filz. Dies ist so liebevoll und lustig gemacht, dass es sicher das eine oder andere Kind dazu ermuntert, selber zu Schere, Pinsel und Farbtopf zu greifen. Abgerundet wird das Büchlein durch Tipps zur Schlafhygiene und durch ein Nachwort, welches die Intention des Autors beschreibt. Den Eltern ist zu raten, sich diese Schlussworte jedoch nicht am Ende, sondern einleitend aufmerksam durchzulesen.

Im Januar erschien im Eigenverlag ein Gedichtband von Gröfler. Etwas bedauerlich, dass sein Faible für Dichtung in „Gute Nacht, Nacht!“ nur an einer einzigen Stelle zum Tragen kommt. Schade ist zudem, dass der Verlust des Sternenhimmels, dessen Faszination uns nur die ungestörte Nacht alleine zu schenken vermag, keine Erwähnung findet. Dass das Buch zu dünn ist, ist weniger Kritik als Lob. Denn gerne hätte man weiter Rosina Lamperts Basteleien bewundert und die Suche nach der Nacht mitverfolgt.

Kurzum: Das fantasievoll gestaltete Buch ist sicherlich geeignet, Kindern im Alter bis 7 Jahren die Angst vor der Dunkelheit zu nehmen oder sie zumindest abzumildern. Es lädt auf 32 Seiten dazu ein, gemeinsam über die Nacht, die Dunkelheit und einem Zuviel an Licht und Helligkeit nachzusinnen. Mit Kindern lässt sich ohnehin gut philosophieren, da sie natürlicherweise das mitbringen, was laut Aristoteles der Beginn aller Philosophie ist: Die Fähigkeit zum Staunen.

„Gute Nacht, Nacht!“, Sepp Gröfler, Rosina Lampert, Papierfresserchens MTM-Verlag GbR, 2016

 
Der Autor Sepp „Beff“ Gröfler war so freundlich, den Paten der Nacht ein Interview zu geben.
 

INTERVIEW mit dem Buch-Autor von „Gute Nacht, Nacht!“

 
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich kindgerecht dem Thema „Lichtverschmutzung“ zu nähern?
Sepp „Beff“ Gröfler: Das Thema „Lichtverschmutzung“ war nur ein Nebenprodukt meiner ursprünglichen Absicht, Kindern die Angst vor der Nacht zu nehmen. Ich war viele Jahre beruflich als Pädagoge in der Heilpädagogik unterwegs und habe in den Wohngruppen immer wieder Kinder betreut die sich vor der Dunkelheit, vor der Nacht gefürchtet haben. Daher habe ich Gute-Nacht-Geschichten erfunden, die dem entgegenwirken konnten.

Da es sich bei diesem Thema ja um ein weites Feld handelt: Welche Aspekte der Lichtverschmutzung waren Ihnen beim Schreiben ein besonderes Anliegen?
Sepp „Beff“ Gröfler: Im Zuge meiner Recherchen zur Lichtverschmutzung wurde mir klar, dass die Schwierigkeit der Kinder im Umgang mit der Nacht eine globale Metapher ist. Wir gönnen der Welt keine Erholungsphasen mehr. Es muss immer mehr aus einem Tag, aus einem Leben herausgepresst werden. Wir verlängern künstlich den Tag mit der Folge die Balance zwischen Ruhe und Aktivität zu verlieren. Das geht dem Kind wie dem Erwachsenen so, aber auch der Natur, der Tierwelt. Ziel wäre es, der Ruhe wieder mehr Kraft zuzuschreiben. Mit den positiven Nebeneffekten, Energie zu sparen, Umwelt zu schonen, Respekt für Natur und Tierwelt sollen wieder zunehmen.

Gab es Rückmeldungen zu dem Buch, vielleicht von Eltern oder gar Kindern?
Sepp „Beff“ Gröfler: Eine Rückmeldung einer Oma die das Buch einem Enkel geschenkt hat, bzw. vorgelesen hat war, dass ihr Enkel nach dem Erzählen der Geschichte gebeten hat die Tür des Schlafzimmers zu schließen und von da an brauchte er keine Lichtquelle mehr um einzuschlafen. Ein Mädchen hat gemeint, das Buch ist genau für sie geschrieben, weil sie die Nacht auch nicht mag (diese Rückmeldung kann unterschiedlich ausgelegt werden). Ich bilde auch Babysitter*innen aus und eine Einheit der Ausbildung ist das Geschichtenerzählen und da meinen Teilnehmer*innen, die mein Buch zum Vorlesen ausgewählt haben, dass sich nach dem Erzählen eine feine Ruhe ausbreitet.

Haben Sie später nochmal zu diesem Thema künstlerisch oder pädagogisch gearbeitet bzw. haben dies vor?
Sepp „Beff“ Gröfler: Ich habe die Geschichte für ein „Leseabenteuer“ in Form eines kurzen „Koffertheaters“ umgesetzt und immer wieder in Volksschulen (1. oder 2. Klasse) zur „Aufführung“ gebracht. Da versteckt sich die Nacht in Form eines schwarzen Jongliertuches bei einem Schüler, einer Schülerin, die Sonnenstrahlen in Form von 20 gelben Jongliertüchern repräsentieren die Sonne, die sich auf die Suche nach der Nacht macht,… Mein aktuelles Projekt ist unser Enkelsohn, der wird am kommenden Dienstag 1 Jahr alt und ich freue mich schon ihm im Umgang mit Licht und Dunkelheit, Ruhe und Aktivität, Rückzug und Forscherdrang zur Seite stehen zu können.

Welchen Rat möchten Sie Eltern und Pädagogen mit auf den Weg geben, die Kinder mit Fragen des Umweltschutzes konfrontieren möchten?
Sepp „Beff“ Gröfler: Meine Erfahrung der letzten Jahre ist, dass wir eigentlich über die Kinder die Eltern erziehen können. Die Fridays for future-Bewegung zeigt es deutlich, wie die junge und jüngste Generation uns Erwachsenen den Spiegel vorhalten und uns konfrontieren. Als Erzieher habe ich die Erfahrung gemacht, dass Geschichten erzählen, Theater spielen, oder auch Kunstprojekte, die meiste Kraft und die nachhaltigste Wirkung haben. Eine erfrischende Portion Humor und Selbstironie kann bei der Vermittlung des Themas ebenfalls unterstützen. Da kann kein erhobener Zeigefinger oder differenziertes Erklären auch nur annähernd mithalten.

 


Autor: André Pix, Dipl.-Ing. (FH) Techn. Umweltschutz, Lichtplaner (Teammitglied paten-der-nacht.de)


 

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